Hürden & Potenziale der (zukünftigen) Hochschullehre aus Studierendenperspektive

Das Thema „Digitalisierung der Hochschullehre“ bleibt auch nach der Corona-Pandemie von hoher Aktualität; digitale bzw. digital unterstützte Lehre sind integraler Bestandteil des Lehrbetriebs an Hochschulen geworden. In diesem Kontext stellt sich die Frage, wie diese Formate von den Studierenden wahrgenommen werden und welche Erfahrungen sie damit gemacht haben. Um ein umfassendes Verständnis aus verschiedenen studentischen Perspektiven zu erlangen und digitale bzw. digital unterstützte Lehrformate weiter zielgerichtet anpassen zu können, wurden Studierende unterschiedlicher Standorte und Studienfächer in Niedersachsen zu ihren Erfahrungen mit diesen Lehrformaten sowie ihren diesbezüglichen Erwartungen und Wünschen für die Zukunft befragt.

 


Die Datenerhebung erfolgte im Zeitraum von Dezember 2022 bis Juli 2023 mittels qualitativer Fokusgruppeninterviews. Insgesamt wurden 22 Studierende von den sieben niedersächsischen Hochschulen des SOUVER@N-Verbunds befragt. Die Befragungsdauer betrug etwa eine Stunde. Zur Auswertung wurde die Methode der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker (2022) angewandt.


 

Ausgewählte Ergebnisse

Hürden der digitalen Lehre

Im Folgenden werden die von Studierenden wahrgenommenen Herausforderungen in digitalen Lehr-Lern-Kontexten zusammengefasst.

Im Hinblick auf das Selbststudium wurde die asynchrone Lehre von der Mehrheit der befragten Studierenden als eher negativ bewertet, da fehlende Selbstmotivation und Konzentrationsprobleme das Lernen zuhause erschwerten.

Die Herstellung einer transparenten und vertrauensvollen Kommunikation zwischen Lehrperson und Studierenden wurde in digitalen Lehrveranstaltungen als besonders schwierig empfunden. So gab die Mehrheit der befragten Studierenden an, dass die Möglichkeiten für Austausch und Feedback mit den Lehrenden eingeschränkt waren, wobei eine transparente Kommunikation einen wichtigen Baustein bildet, um Studierenden Informationen zugänglich zu machen. Das vorhandene Angebot an Online-Sprechstunden wurde als nicht ausreichend bewertet.

Lehrveranstaltungen ohne Möglichkeit zur Interaktion wurden als eher langweilig wahrgenommen; dennoch wurden vorhandene digitale Tools zur Interaktion von den Studierenden nur wenig aktiv genutzt. Durch den Wegfall der physischen Anwesenheit fiel die Kontaktaufnahme unter den Studierenden schwer; die mangelnde Beteiligung in Lehrveranstaltungen lässt sich so u. a. durch die wahrgenommene Distanz zueinander begründen. Eine erzwungene aktive Teilnahme der Studierenden an der Lehrveranstaltung wurde als negativ bewertet.

Weiterhin wurde als Hürde für digitale Lehre fehlendes Engagement der Lehrperson beispielsweise in der Gestaltung von digitalen Lehrmaterialien genannt. Die Studierenden gaben großteils an, dass der Erfolg oder Misserfolg einer Lehrveranstaltung maßgeblich vom Engagement der Lehrperson abhängt. Unsicherheiten der Lehrperson, u. a. bei der Nutzung von digitalen Tools und der Bedienung der Hörsaaltechnik, wurden von den Studierenden als störend sowie hinderlich für den Lernprozess empfunden, ebenso wie fehlende oder nicht klar zu erkennende Strukturen und Abläufe in Lehrveranstaltungen. Dass die Toolauswahl mit der Datenschutzproblematik zusammenhängen könnte, war den Studierenden jedoch nicht bewusst. Die heterogenen Medien- und Technikkompetenzen unter den Lehrenden führten dazu, dass sie jeweils unterschiedliche Voraussetzungen in die Lehrveranstaltung mitbrachten, die sich auf die Qualität der Lehre auswirkten.

Studierende wünschten sich, dass Lehrende grundsätzlich bessere IT-Kenntnisse aufweisen und mit den mobilen Endgeräten sicherer umgehen würden. Studierende nahmen an, dass konkrete Schulungsangebote für Lehrende (aber auch für Studierende) im Hinblick auf die IT und Technik fehlen würden.

Bezüglich der vorhandenen Technik in den Hörsälen und Seminarräumen merkten die Studierenden an, dass diese entweder nicht vorhanden war oder zu wenig von den Lehrenden genutzt wurde.

Positive Aspekte der digitalen Lehre

Digitalen Medien können das Lehren und Lernen in der Hochschullandschaft auf vielfältige Weise positiv beeinflussen und bereichern. So gaben die Studierenden beispielsweise an, dass sie digitale Lehrveranstaltungen im Vergleich zur Präsenzlehre grundsätzlich entspannter wahrgenommen haben, damit verbunden schätzen sie die Flexibilität der Lernprozesse. So liegen die Vorteile asynchroner Lehrveranstaltungen vor allem darin, dass Studierende selbstbestimmt ihre Zeit einplanen und beispielsweise ihren familiären Verpflichtungen besser nachgehen können. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, das eigene Lerntempo zu bestimmen, das wiederum den Lernprozess positiv beeinflusst und unterstützt. Bei synchronen Lehrveranstaltungen ist eine ortsunabhängige Teilnahme möglich und begünstigt eine erlebbare Präsenz, trotz physischer Abwesenheit.

Weiterhin stellten die Studierenden fest, dass die Lerninhalte in den Aufzeichnungen, im Gegensatz zur Präsenzlehre, viel kompakter erklärt wurden.

Ein weiterer Vorteil wurde in Online-Sprechstunden gesehen, welche die Möglichkeit eines direkten Feedbacks bei gleichzeitiger Zeitersparnis (Anfahrt zur Uni etc.) bieten.

Im Bereich der digitalen/hybriden Lehre hoben Studierende hervor, dass die Zahl der Anwesenden grundsätzlich höher zu sein schien als in reinen Präsenzveranstaltungen. Begründet werden kann die erhöhte Anwesenheit u. a. durch bessere Vereinbarkeit von Studium und Privatleben.

Eine positive Haltung gegenüber der digitalen Lehre zeigt sich auch aufgrund der Tatsache, dass man Personen mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen das Lernen barrierefreier zugänglich macht. Studierende mit Beeinträchtigungen (z.B. Seh- oder Hörschwäche) haben die Möglichkeit ihr Zuhause barrierefrei einzurichten und profitieren möglicherweise von der (a-)synchronen Lehre, wenn auf barrierefreie Designs und Benutzerfreundlichkeit geachtet wird.

 

Gewünschte Lehrformate für die Zukunft

Im Allgemeinen wünschen sich Studierende für die Zukunft einen Mix aus digitaler Lehre und Präsenzlehre. Lehrformate sollen von den Lehrenden flexibel umgesetzt und gestaltet werden können. Sofern es didaktisch sinnvoll und technisch umsetzbar ist, wünschen sich viele Studierende, dass Vorlesungen zukünftig als hybride Formate durchgeführt und/oder aufgezeichnet werden, sodass den Studierenden zeitliche und räumliche Flexibilität im Wochenplan ermöglicht wird.

Grundsätzlich bevorzugen die Studierenden Veranstaltungen in Präsenz, wenn Module das Erlernen praktischer Fähigkeiten beinhalten.

Fazit

Die Digitalisierung der Hochschullehre bleibt ein fortwährend relevantes Thema, das tiefgreifende Veränderungen in der akademischen Bildungslandschaft bewirkt. Die Untersuchung der Perspektiven von Studierenden zeigt, dass Hochschulen verstärkt in die Schulung ihrer Lehrenden bezüglich digitaler Tools und IT-Kompetenzen investieren sollten, um die Qualität der digitalen Lehre stetig zu verbessern. Effektive Kommunikationskanäle zwischen Lehrenden und Studierenden sind dabei essenziell, um Austausch und Transparenz zu fördern. Ein hybrider Lehransatz, der digitale und Präsenzformate kombiniert, sollte ebenfalls gefördert werden, um den heterogenen Bedürfnissen der Studierenden gerecht zu werden.

Gleichzeitig muss die technische Infrastruktur verbessert und umfassender genutzt werden, einschließlich der Ausstattung von Lehrräumen und technischem Support. Digitale Lehrformate sollten barrierefrei und inklusiv gestaltet sein, um Studierenden mit Beeinträchtigungen eine gleichberechtigte Teilnahme zu ermöglichen.

Die Integration interaktiver Elemente und engagierter Lehrmethoden kann die Motivation und Teilnahme der Studierenden erhöhen.

Maßnahmen zur Unterstützung des Selbststudiums, wie klare Strukturen und unterstützende Materialien, sind notwendig, um die Herausforderungen des asynchronen Lernens zu bewältigen und die Selbstmotivation der Studierenden zu stärken.

Insgesamt ist eine sorgfältige Weiterentwicklung der digitalen Hochschullehre erforderlich, um deren Potenziale vollständig auszuschöpfen und den Anforderungen der Studierenden gerecht zu werden.

 

 


 

Ein Beitrag von Patricia Dammann, Selin Dirlik, Marina Ille und Franziska Nichau